Leonore Poth

Montag. Wir sind in der Frankfurter Innenstadt auf der Suche nach einem ruhigen Ort, um das Interview zu führen. Es ist September, und wir frösteln vom Wind zerzaust nach dem Fotoshooting am Mainufer. Leonore Poth hat sich selbst diesen Ort ausgesucht. Der Main, der Eiserne Steg, die Hochhäuser, die Baustellen – das alles kommt oft in ihren Zeichnungen vor. Was interessiert sie an diesen Motiven?

An den Baustellen interessiert mich die Bewegung im Stadtbild, das ja eigentlich statisch ist.

„Auf einer Baustelle ist immer was los: Lange filigrane Kräne wie Kraniche, schwere Bagger wühlen im Dreck … doch hinter all dem Durcheinander verbirgt sich ein Plan.“ Auch der Ort für unser Porträtfoto ist eines von Leonore Poths Motiven: „Das Zickzack Motiv des Eisernen Stegs erinnert an die Kräne, wunderschöne grafische Zeichen. Das Wasser wiederum ist beweglich, verändert sich ständig.“

Ich mag Frankfurt, ich bin eine echte Frankfurterin.

Im Hintergrund dezente Musik, das zischen der Kaffeemaschine, wir schauen auf die Brauchbachstraße. Beim Umherlaufen in der Stadt ist man kaum in der Lage, so zu abstrahieren, wie Leonore das als Zeichnerin tut. Wir ordnen gleich ein: Bagger, Baustelle, Main, Eiserner Steg, Frankfurt. Leonore Poths Zeichnungen funktionieren für mich als Betrachterin wie ein Filter: Plötzlich kann man Strukturen sehen, die man sonst kaum wahrnehmen kann. Für Leonore ist das ein Kompliment. Sie zeichnet auch gerne irgendwas – Stromkästen, Glascontainer, Ecken, an denen man sich eigentlich verloren fühlt.

Leonore Poth sammelt ihre Motive mit der Kamera. Für ihre Pastel- und Tuschezeichnungen braucht sie die Ruhe und Konzentration im Atelier. Sie streift durch die Stadt, sammelt Eindrücke, macht schnelle und viele Fotos mit dem Mobiltelefon. Das ist ihr digitales Skizzenbuch. „Das verdichtete Arbeiten funktioniert nur, wenn ich nicht vor Ort bin. Ich brauche die Fotos als Gedächtnisstütze. Als Erinnerung, als Anregung.“ Manchmal legt sie die Fotos auch weg und zeichnet aus dem Gedächtnis. Die Material- und Motivsammlung ist eher ziellos und zufällig, spontan. Es geht darum, Momente festzuhalten. Oder das Licht. Aus ihrer Wohnung hat sie den Blick über die Dächer Frankfurts auf den Messeturm. Dort entsteht derzeit eine Serie von Aquarellen. Das Licht wandelt sich ständig und lässt den Messeturm bei jedem Wetter anders erscheinen. Ein serielles Arbeiten, ein Wiederholen ein und desselben Motivs. Fast impressionistisch. Fast wie die Kathedrale von Rouen. Ihre Medien: Tusche, Pastellkreiden und jetzt Aquarell. Das ist neu. Und auch das Vorgehen ist anders. Denn die Aquarelle entstehen direkt, das Panorama wird nicht vorab fotografiert. Und es muss schnell gehen.

Leonore Poth hat an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert. Das Besondere an der HfG ist, dass man nicht nur für den angewandten Bereich ausgebildet wird, wovon viele letztendlich leben. Man kann auch in der freien Kunst experimentieren. Leonore hat Gestaltung studiert, immer gezeichnet, im Studium auch die Malerei entdeckt und schließlich ihren Abschluss im Trickfilm gemacht.

Ich habe mehrere Standbeine, in denen ich tätig sein kann.

Als Illustratorin und als Trickfilmerin hat sie u. a. Spots und ein Daumenkino zum Thema Alleinerziehende für das Frauenreferat in Frankfurt geschaffen. Leonore Poth entwickelte einen Oktopus, der mit seinen acht Armen tausend Sachen gleichzeitig machen kann – ein Supermotiv! Eigentlich war nur ein Spot geplant, dann wurden es drei, weil es so unglaublich viel zu erzählen gab. Derzeit arbeitet sie an dem 8-minütigen Animationskurzfilm "fishy" für den sie eine Filmförderung bekommen hat und der Ende Oktober Premiere hat. Es geht um eine verkehrte Welt: Die Fische sind die Menschen, und die Menschen sind die Fische. Ein Filmprojekt für Kinder und Erwachsene. Keine Auftragsarbeit, sondern ein freies Projekt, für das Leonore Poth auch selbst die Gelder aufbringen muss.

Leonore Poth unterrichtet auch Kinderbuchgestaltung. Eine Kooperation der Psychologie- und der Kunstfakultät an der Universität in Marburg. Ein sehr ungewöhnliches Projekt: Eine Psychologieprofessorin hatte die Idee, Kinderbilderbücher zu machen, die psychologische Krankheiten erklären. Dazu schreiben die Studierenden der Psychologie eine Geschichte, anschließend illustrieren Studierende der Kunst die Geschichten und gestalten ein Buch. Es ist Leonores Aufgabe innerhalb eines Semesters die Studierenden darin zu unterstützen – inklusive der entsprechenden Gestaltungsprogramme und bis hin zum Druck. Ein Crashkurs. Inzwischen werden 15 Bücher, erschienen in einem renommierten wissenschaftlichen Verlag in der Schweiz, erfolgreich in der Kinderpsychologie eingesetzt.

Auch Leonore stellen wir die Frage: Was ist für Dich Erfolg?
„Erfolg bedeutet, wenn ich von meiner Arbeit leben kann, wenn ich ein Publikum finde und Anerkennung. Wenn ich von meiner Arbeit leben kann, sichert mir das eine große Bewegungsfreiheit.“ Leonore trennt nicht klar zwischen Kunst, Projekten, Jobs und Geld verdienen. Zum Beispiel der alleinerziehende Oktopus – auch wenn es eine Auftragsarbeit war, ist es dennoch eine künstlerische Arbeit. „Ich hatte große Freiheit, Vorschläge zu machen. Meine Idee mit dem Oktopus, die auch lustig ist, war offenbar genau das richtige.“

Und das ist immer noch nicht alles: Leonore Poth wurde in den Deutschen Werkbund Hessen berufen – ein interdisziplinärer Zusammenschluss von Gestalter:innen. Offenkundig ist der inhaltliche Bezug zu den urbanen Themen. Im Rahmen ihrer Ausstellung in den Räumen des Werkbundes in der Frankfurter Innenstadt haben wir uns näher kennengelernt. Darüber war Leonore Poth auch in der GEDOK aktiv (das älteste und europaweit größte Netzwerk für Künstlerinnen aller Sparten), für die sie in Frankfurt ein Ausstellungsprojekt mit dem Titel Kunstambulanz organisiert hat. Wir sprechen über den Sinn und Zweck von Vereinen, ob eine hierarchische Struktur mit Vorstand überhaupt zeitgemäß und sinnvoll für Netzwerke ist – ist ein Netzwerk nicht das Gegenteil einer Hierarchie? Leider ist es noch immer nicht selbstverständlich, ohne die feste Struktur eines als gemeinnützig anerkannten Vereins eine Förderung zu bekommen.

Das Wichtigste an Netzwerken ist, Gleichgesinnte zu treffen, Unterstützung zu finden für Projekte, gemeinsam Dinge zu initiieren. Leonore Poth ist unglaublich aktiv, hat viele gute Ideen und versucht mit ihrem Engagement an verschiedenen Stellen anzudocken. Zurzeit ist ihr Atelier ihre Wohnung –lieber hätte sie einen Raum außerhalb zum Arbeiten und um Leute zu treffen.

Man muss mit Menschen reden. Sich auszutauschen ist wichtig um Ideen zu entwickeln, wenn man immer alleine arbeitet, im stillen Kämmerchen.

Haben wir was vergessen? Leonore Poth war Gründungsmitglied des Filmhaus Frankfurt vor 30 Jahren. Sie unterrichtet in der Freien Kunstakademie Frankfurt Comiczeichnen. Und ihre Corona-Tagebuchkärtchen sind online in der Corona-Sammlung des Historischen Museums zu sehen.

www.leonore-poth.de