23.06.2026

Jenne Schöning

Von der Kunst, Menschen zum Tanzen zu bringen

Keine 30 Sekunden und ich wusste genau, wen ich interviewen wollte: Jenne. Dies ist mein erster Artikel für das Frankfurter Kranz Journal. Ich habe mich riesig gefreut, als Sonja Müller mich anrief und fragte, ob ich das nächste Interview schreiben möchte.

Ich habe Jenne zum ersten Mal getroffen, als sie im Rahmen der Reihe “Geheimer Salon” des Künstler*innenhaus Mousonturm – laut Website “randständige Musik an der Schnittstelle von elektronischem Experiment und Clubkultur” – hinter den Decks stand und ein großartiges Set spielte. Der Hauptact war eine Band – aber ich konnte es kaum erwarten, dass es nach dem Konzert mit ihrem DJ-Set weitergehen würde.

Seit diesem Tag bin ich Jenne an ganz unterschiedlichen Orten begegnet: Als Workshopleiterin für ein Jugendprojekt, ehrenamtlich an der Kasse für das Konzertprojekt „Ichiichi“, aber auch als Referentin für den Verein „Music Women* Hessen“, wo sie unter anderem das Dialogforum der Stadt Offenbach zum Thema „Sicherheit von Flinta* im Nachtleben“ mitgestaltet hat. Und natürlich als DJ. Jenne mag vor allem die Anfangssets, die häufig die schwierigsten sind: Bei einem DJ-Set am Anfang des Abends stehen die Leute noch vereinzelt da, erwarten den großen Ansturm, nippen erwartungsvoll an ihren Drinks und plaudern. Es zu schaffen, diese Menschen auf die Tanzfläche zu bringen, immer näher an die Decks, das ist große Kunst. Und ich habe Jenne diese Kunst schon oft meistern sehen.

Tanzen und Musik bedeuten Freiheit.

Sie erinnert sich, wie sie als Kind in ihrem Zimmer zu ihrer Lieblingsmusik getanzt hat. Die Begeisterung für Bands, vor allem die Musik ihres Vaters, brachte Jenne schon früh dazu, sich zu wünschen, selbst ein Instrument zu lernen. Aber der Unterricht war zu teuer – „Arbeiter*innenkind“, kommentiert sie. Also stürzt sie sich als Jugendliche ins Musik hören, anstatt sie zu spielen. Vor allem Indie-Musik hat es ihr angetan. „Ich bin damals ständig in das nahe gelegene Kaufhaus gegangen und habe dort auf den Geräten die neuesten CDs gehört. Ich hatte zwar keine Kohle, sie zu kaufen, aber ich war immer up to date!“

Jenne studiert Philosophie und Kunstgeschichte. Während des Studiums beginnt sie, sich auch mit anderen Musikrichtungen zu beschäftigen. Obwohl sie elektronische Musik anfangs gar nicht gerne hört, zieht auch diese sie in ihren Bann. Sie bringt sich zusammen mit Freund*innen selbst das Mixen bei, ihr erster Auftritt ist im selbstverwalteten Haus Mainusch in Mainz. Das Mixing erfüllt ihr eine lange Sehnsucht: Obwohl sie die Musik nicht selbst spielt, kann sie etwas Neues erschaffen, was sich auf andere Menschen übertragen und sie berühren kann. „Es fällt mir manchmal nicht leicht, meine Gefühle zu zeigen.

Durch Musik kann ich meine Emotionen ausdrücken.

Während sie selbst noch auf kleineren Partys auflegt, erlebt Jenne DJ Helena Hauff live im Offenbacher Club Robert Johnson. "Die meisten DJs, die den Sound spielten, der mich begeisterte, waren damals Männer – ohne dass mir das besonders bewusst gewesen wäre. Als ich Helena Hauff live sah, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, mich wirklich mit jemandem hinter den Decks identifizieren zu können. Sie spielte genau die Musik, die ich liebte, ich mochte ihren Vibe und ihre selbstverständliche, nonchalante Art. Es war eine Form von Begeisterung, die sich anders anfühlte: Ich konnte sie einfach aus ganzem Herzen feiern und supporten, ohne die kleinen Irritationen, die als Frau manchmal mitschwingen, wenn man männliche Künstler bewundert. Ich war total inspiriert, habe danach umso mehr aufgelegt und dachte: Vielleicht schaffe ich es auch dorthin."

„Und jetzt sitze ich hier“, lacht Jenne mich an, „ein paar Wochen nach meinem eigenen Set im Robert Johnson. Ich hab‘s tatsächlich geschafft!“ Als ich Jenne anschließend frage, was Erfolg für sie bedeutet, lächelt sie. „Wenn ich bei einem Set eine Person in der Crowd sehe, die die Augen schließt oder wenn ich einfach sehe, dass sie versteht.“

Wenn das, was ich mache mit jemandem resoniert hat sich der Abend gelohnt.

Für mich ist Jenne aus der Frankfurter Musikszene nicht mehr wegzudenken: Sie arbeitet im „Robert Johnson“, einem der berühmtesten Frankfurter/Offenbacher Clubs. Zudem kuratiert sie den „saasfee*pavillon“ mit, der im Herzen Frankfurts liegt und organisiert dort die Musikreihe „Tiny Bar Sessions“. Und sie legt in großen und kleinen Clubs im Rhein-Main-Gebiet auf. Trotzdem war sie sich nicht zu schade, mir vor einer Weile bei einer Soli-Party auszuhelfen, als dort eine DJ ausfiel.

Doch die Arbeit in der Musikbranche und Clubkultur ist nicht immer leicht. Schon früh, und besonders seit ihrer Zeit als Nightmanagerin in Clubs, fallen ihr die Missstände im Nachtleben auf. Sexistische Bemerkungen wie „Ob das der Plattenkoffer ihres Freunds sei?“ oder, noch schlimmer, patriarchale Strukturen sind vielerorts noch an der Tagesordnung.

Ich kenne nur eine einzige Clubbesitzerin im Großraum Frankfurt. Alle anderen sind Männer.

Häufig frage sie sich, ob sie gebucht werde, damit auch eine Flinta* auf dem Programm stehe. Manchmal werde ihr das sogar direkt gesagt. Oder männliche Kollegen wollen sich nicht die Mühe machen, nach weiblich gelesenen DJs zu suchen, und fragen sie – weil sie sich da ja besser auskenne. Am Anfang ihrer DJ-Karriere achtete Jenne genau darauf, wie sie sich bei einem Set anzieht, denn sie wurde oft auch danach bewertet. Heutzutage versucht sie hingegen, genau diesen Regimen zu entkommen und gibt sich so, wie sie selbst gern sein will. Leider sind das noch die harmlosesten Vorkommnisse. Immer wieder passieren Flinta* in Clubs und im Nachtleben ernst zu nehmende Übergriffe, doch die Veranstalter*innen werden selten aktiv und übernehmen Verantwortung.

Anfang 2026 veröffentlicht Jenne einen Post auf Instagram, den ich mit Gänsehaut lese: Darin erzählt sie, dass sie Sets bei Veranstaltungen absagen musste, weil die Verantwortlichen auf sexistische Vorwürfe nicht reagierten oder Täter*innenschutz betrieben. Als ich sie darauf anspreche, erklärt Jenne mir, wie schwierig diese Entscheidungen sind. Abgesagte Sets bedeuten abgesagtes Geld – das ist ein Feminismus, den man sich leisten können muss. Nicht jede* kann das. Und es sollte auch nicht auf den Schultern einzelner Flinta* liegen, sondern es sollte gemeinsam systemisch etwas verändert werden.

Der Verein „Music Women* Germany“ befasst sich genau mit diesen Themen. Jenne verfolgt dessen Arbeit schon seit Langem, und als sie erfährt, dass sich Music Women* Hessen gründet, ist sie sofort mit dabei. In der Rolle als Vorständin des Vereins gestaltet sie ein Dialogforum der Stadt Offenbach mit, das sich mit der Sicherheit von Flinta* im Nachtleben befasst. Über den Projektzeitraum geht sie im Rathaus ein und aus, bis gemeinsam mit der Fachreferentin zur Umsetzung der Istanbul-Konvention, Luzia Rott, ein spannendes Programm zusammengestellt ist, welches unterschiedliche Perspektiven zusammenbringt und versucht, kreative und praktische Lösungsansätze zu finden: Beispielsweise ein nächtliches „Heimweg-Telefon“, welches Menschen telefonisch auf dem Nachhauseweg begleitet, um ihnen ein Sicherheitsgefühl in der Nacht und bei Dunkelheit zu geben (sonntags bis donnerstags von 21 bis 24 Uhr, freitags und samstags von 21 bis 3 Uhr).

Mit „Music Women* Germany“ berät Jenne auch Veranstaltungen, gibt DJ-Workshops für Flinta* – es ist etwas anderes, wenn du mit anderen Flinta*s lernst, als wenn dir ein Mann etwas beizubringen will – oder organisiert Netzwerktreffen für die Musikbranche.

Manchmal – wenn auch nicht immer – habe ich das Gefühl, dass die Situation langsam besser wird.

Interview: Anno Bolender
Hinweis: Ich benutze den Begriff Flinta*, welcher für Frauen, Lesben, Inter-, Nichtbinäre, Trans- und Agenderpersonen steht.

instagram: jenne.wav

soundcloud: jennefrankfurt

www.musicwomenhessen.de/

 

Jenne Schöning

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