27.04.2023

Mahret Ifeoma Kupka

Über Mode, Kunst und die Zukunft der Museen

Mahret Ifeoma Kupka interessiert sich für Fragestellungen wie „Lässt sich Mode in eine Ausstellung übersetzen?“ und für kuratorische Strategien im Umgang mit Objekten. Wir treffen Mahret Ifeoma Kupka in ihrem Büro. Sie ist Kunstwissenschaftlerin, Autorin und Kuratorin am Museum Angewandte Kunst. Ihre Projekte kreisen um Rassismus, Erinnerungskultur, Ausstellungpraxis und Museen der Zukunft sowie um Dekolonisierung von Kunst und Kultur in Europa und auf dem afrikanischen Kontinent. Kuratorin für Mode, Körper und Performatives – was muss man sich darunter vorstellen?

Mahret Kupka betrachtet Mode als eine künstlerische Ausdrucksform. Ein Beispiel: Im Museum hat sie unter dem Titel „Life doesn’t frighten me“ eine Ausstellung mit der Mode-Ikone Michelle Elie und deren Sammlung von Comme des Garçons-Entwürfen kuratiert. Mahret Kupka hat untersucht, wie die Sammlerin mit den Objekten, die sie tatsächlich auch trägt und benutzt, umgeht und wie die Menschen darauf reagieren. Wie vermittelt man das in einer Ausstellung? „Alle Schaufensterpuppen waren nach dem Abbild von Michelle Elie gestaltet. Michelle ist schwarz. Es standen 50 Michelle Elies, 50 schwarze Frauen im Museumsraum. Was bedeutet das, diese Form von Repräsentation? Macht es einen Unterschied, ob eine schwarze oder eine weiße Frau in (öffentlichen) Räumen in diesen Outfits auftritt?“ Mahret Kupka nähert sich den Themen durch gezielt gestellte Fragen.

In Mahret Kupkas Arbeit greifen die Tätigkeit im Museum und ihr freies Engagement ineinander: „Kolonialitäten und sämtliche Diskriminierungsformen ziehen sich meist unbewusst durch unsere Wissenssysteme und beeinflussen, wie wir die Welt sehen, welche Entscheidungen wir treffen. Wer das einmal begreift, kann es nicht mehr ungesehen machen.“ Mahret Kupka engagiert sich in den Beiräten von Texte zur Kunst und der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e. V. und hat sich natürlich auch mit ihrer eigenen Geschichte auseinandergesetzt.

Ich bin Teil eines gesellschaftlichen Systems und muss begreifen, wie ich da verortet bin.

Mahret Kupka ist in Hanau geboren. Ihr Vater ist Hamburger und ihre Mutter stammt aus Abia State, im heutigen Nigeria. Eigentlich wollte sie Film studieren, Dokumentarfilm. „Ich hatte mich in München an der Filmschule beworben, aber es hat nicht geklappt.“ Sie entschied sich für ein Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft in Frankfurt und Stuttgart und wechselte zum Hauptstudium an die Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, wo sie in Medientheorie promoviert hat.“ Thema: Eine Feldforschung zu den Anfängen des Phänomens Modeblogs. Wie kam es zu diesem ausgeprägten Interesse für zeitgenössische Mode?

Ich bin über die Kunst zur Mode gekommen.

„Ich erinnere mich an ein Seminar, in dem wir über das Kunstsystem und die Nähe zur Mode gesprochen haben. Zu jener Zeit gab es viele Kooperationen zwischen Künstler:innen und Modelabels. Zum Beispiel hat Tracy Emin eine Tasche für Longchamp gestaltet. Oder der Flagship-Store von Louis Vuitton in Paris; er wurde mit einer Performance von Vanessa Beecroft eröffnet.“

Projekte, in denen sich die Grenzen zwischen Kunst und Mode zu verwischen begannen, fand ich spannend.

Wird von einer schwarzen Frau in ihrer Position am Museum erwartet, dass sie sich mit Themen wie Rassismus beschäftigt? „Ja und Nein. Ich bekomme gelegentlich Anfragen, die nicht wirklich mein Fachgebiet betreffen. Da frage ich mich schon, ob allein meine Hautfarbe zu gewissen Schlüssen geführt hat. Nicht die Hautfarbe an sich ist der Grund, sondern bestimmte Vorstellungen, die damit verknüpft werden. Gegenüber schwarzen Communities spüre ich eine Verantwortung, die vielleicht auch mit einer gewissen Erwartungshaltung zusammenhängt. Eine schwarze Frau in meiner Position ist leider noch immer eine Besonderheit. Mir liegt sehr viel daran, dazu beizutragen, gesellschaftliche Realitäten in so zentralen Bereichen wie der Kultur auch abzubilden."

„Die Autorin Sharon Dodua Otoo fragte in ihrer Rede zum Ingeborg-Bachmann-Preis 2020 ob Schwarze Blumen malen könnten. Das bedeutet verkürzt: Können schwarze Personen Kunst machen, ohne dass diese politisch wäre? Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Ich glaube vielmehr, dass das überhaupt für niemanden möglich ist. Kunst ist immer in irgendeinen Kontext eingebettet. Die große Ambivalenz liegt aber darin, dass wir als Gemeinschaft zusammen dafür kämpfen müssen, dass wir Alle sorglos Blumen malen können. Wir müssen uns immer wieder fragen: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wie soll diese Gesellschaft beschaffen sein, in der alle den Freiraum haben, so sein zu können, wie sie sind?“

Kolonialität, Dekolonisierung und Rassismus sind Themen, die alle betreffen.

„Es mag zunächst komisch erscheinen, wenn in einer Gesprächsrunde, in der über Rassismus gesprochen wird, nur weiße Personen sitzen. Ich finde aber, dass das gar nicht das Problem ist. Rassismus ist ein strukturelles Problem, das alle betrifft, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Alle müssen darüber sprechen. Insofern kann eine Runde, in der weiße Personen über ihre Involvierung in rassistische Strukturen diskutieren, durchaus gewinnbringend sein. Die Frage ist, wie geht es dann weiter? Bekommen die Erfahrungen von Schwarzen, Indigenen und People of Color ebenso Raum? Wie kann ein gewaltfreier Dialog auf Augenhöhe möglich gemacht werden? Dass diese Fragen kaum gestellt werden, finde ich problematisch!“

Ich plädiere für mehr Präzision: Wo ist meine Position innerhalb eines Themas? Aus welcher Perspektive spreche ich, und warum ist mein Beitrag wichtig?

„Es gibt unfassbar viele Probleme, die auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Gesellschaft bewältigt werden müssen. Und es gibt natürlich das Bedürfnis, die Dinge möglichst einfach darzustellen. Sie sind aber hochkomplex und ich bin davon überzeugt, dass nur in der Komplexität Lösungen verborgen sind. Es wird nie eine finale de-kolonialisierte Gesellschaft geben, das de-kolonialisierte Museum – erfolgreich abgeschlossen, Haken dahinter. Es ist zu viel passiert. Die Geschichten sind eng miteinander verwoben. Es gibt keinen vorkolonialen Zustand, zu dem man zurückkehren kann, an dem alles gut ist. In dem Einlassen auf die Komplexität, auf die vielen Herausforderungen, die darin verborgen liegen, gibt es sehr viel zu gewinnen. Es muss auch darum gehen, sich auch mal mit einem Etappensieg zufriedengeben. Wir befinden uns mitten in einem Prozess, von dem jetzt noch nicht klar ist, wohin er uns führen wird.“

Komplexität ist ein schöner Begriff, der auch gut zu Mahret Kupka passt, und zu all dem, mit dem sie sich beschäftigt. Zum Beispiel mit dem Talking Objects Lab: Ein ergebnisoffenes, freies Forschungsprojekt, das sich mit der Dekolonisierung von Erinnerung und Wissens, der Neubewertung von Objekten aus dem kolonialen Kontext und neuen musealen Präsentationsformen auseinandersetzt. Mahret Kupka gestaltet das Projekt zusammen mit der freien Kuratorin Isabel Raabe aus Berlin und Projektpartnern in Senegal, Kenia und bald auch Nigeria.

Kooperationspartner ist u. a. ein ehemaliges französisches Völkerkundemuseum in Dakar, das im Rahmen der formalen Dekolonisierung an Senegal übergegangen ist. Die Direktion sieht sich mit offenen Fragen konfrontiert: „Wieso brauchen wir ein ethnologisches Museum? Warum müssen wir unsere eigenen Objekte mit einem ethnologischen Blick betrachten?“ Es ist Wissen verloren gegangen oder überschrieben worden, durch eine ethnologische, eurozentristische Perspektive. Mahret Kupka stellt weitere Fragen: Wie entlernt man diese Perspektive wieder? Wie kann man sich den Objekten anders nähern? Welche Wege und Möglichkeiten gibt es, die Objekte sprechen zu lassen?

Vielleicht sollte man auch die Objekte mal fragen, was sie eigentlich wollen?

Das Talking Objects Lab lädt auch zeitgenössische Künstler:innen ein, sich mit Objekten aus den Museumsdepots zu beschäftigen. Was erzählen die Objekte? Ist deren Geschichte interessant, oder vielleicht die Zukunft des Objekts? Neue Ansätze finden, anders mit den Dingen umgehen, anstatt sie in die Vitrine zu stellen und ein Schild daneben zu legen. „Es geht darum, etwas Neues zu entwickeln. Weil vieles nicht mehr funktioniert und nicht zukunftsfähig ist.“

Werden wir in Zukunft überhaupt noch Museen haben? Diese Idee des Sammelns und Anhäufens von Dingen – wie lange soll man das weitertreiben?

Was bedeutet für dich Erfolg?
"Erfolg hat viel mit einem Gefühl von angekommen sein, mit Zufriedenheit zu tun. Es kommt vor, dass man sich auf den Weg begibt und dann ganz woanders landet. Und feststellt, dass man dort richtig ist. Ich habe so oft die Erfahrung gemacht, dass Dinge sich ganz anders entwickeln als erwartet, aber dennoch gut sind. Das ist auch ein Erfolg. Und der ist vielleicht sogar noch spannender.“

Anfang dieses Jahres ist Mahret Kupka zwei Monate in Nigeria gewesen, in Lagos. Im Rahmen eines Förderprogramms der Kulturstiftung des Bundes für Kooperationsprojekte zwischen deutschen und Institutionen auf dem afrikanischen Kontinent. Die deutsche Kulturpolitik ist derzeit sehr engagiert in der Rückgabe der Beninbronzen an Nigeria. „Mich hat interessiert: Wie sind die Debatten in Nigeria? Welche unterschiedlichen Akteure gibt es, welche Interessen, Stimmen, Perspektiven, welche Auseinandersetzung mit dem Thema? Im Diskurs hier spielen fast ausschließlich deutsche oder europäische Perspektiven eine Rolle.“ In Benin City entsteht derzeit das EMOWAA Edo Museum of West African Art. „Meiner Meinung nach eines der interessantesten Museumsprojekte überhaupt, nicht nur bezogen auf den afrikanischen Kontinent. Dort besteht die Möglichkeit, ein Museum von Grund auf neu zu denken: Was kann, muss überhaupt ein Museum auf dem afrikanischen Kontinent sein?“ Die Beninbronzen sind nicht aus einem Museum geraubt worden, sondern waren in unterschiedliche kulturelle Kontexte eingebunden. „Es stellt sich die Frage, wo sollen die überhaupt hin? Das ist auch ideell gedacht, wohin sollen diese Objekte zurückkehren? Wie können unterschiedliche Communitys in Nigeria eingebunden werden?“

Mahret Kupka hat als erwachsene Person angefangen, in Afrika auch zu arbeiten. Sie ist in Deutschland geboren, aufgewachsen und sozialisiert und dann nach Nigeria, Kenia, Tansania, Südafrika, Kamerun und Senegal gereist. Was waren die Schwierigkeiten oder was war völlig anders, als sie es sich vorgestellt hat? „Meine Mutter kommt aus Nigeria. Laut nigerianischem Gesetz komme ich dann auch dort her. Dadurch und natürlich durch meine Mutter hatte ich schon immer eine gewisse Nähe zu Nigeria. Das war immer präsent. Durch die Verwandtschaft, durch Telefonate. Ich war auch als Kind in Nigeria. Dann bin ich sehr viele Jahre nicht dort gewesen und schon gar nicht alleine. Mein Arbeitseinstieg in Afrika erfolgte über Kenia. Kenia ist nicht Nigeria, aber es gibt trotzdem Parallelen. Ich habe viele Dinge wiedererkannt und konnte mich in vielen Kontexten zu Hause fühlen, weil ich damit aufgewachsen bin.“

Ich spüre eine gewisse Form von Verantwortung, mich an den Debatten zur Dekolonisierung zu beteiligen.

Mahret Ifeoma Kupka definiert sich als Teil dieser Debatten, auch in Nigeria. Und stellt weitere Fragen: „Wo stehe ich gerade? Was ist das für eine Debatte? Kann ich dazu etwas beitragen? Das Interesse ist schön, interessant. Es kann auch schmerzhaft sein oder frustrierend oder überraschend… es kann irgendwie alles sein."

Ein schöner Schlusssatz.

www.mahretkupka.de

www.talkingobjectslab.org

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